10. April: Miklaw im Deutschlandfunk

Am Samstag, den 10.4.21 wird der Deutschlandfunk in der Reihe Wochenendjournal um 09.10 eine Sendung ausstrahlen zum Thema Offene Beziehungen und Polyamorie. Ich freue mich sehr, dass ich Gelegenheit hatte, zu dieser Sendung durch ein Interview und die anonymisierte Vorstellung eines Klientenpaares beizutragen.  

Die Frage, ob die klassische Monogamie die einzig richtige Beziehungsform ist, hat inzwischen eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Das haben auch viele Medien erkannt bzw. selbst dazu beigetragen. Zum Glück nicht nur die Sensationspresse, die sich zuweilen gerne an diesem vermeintlich skandalträchtig-frivolen Thema abarbeitet, sondern auch seriöse Medien wie der Deutschlandfunk.

Was Marlene schon vor 100 Jahren wusste

Die Sendeanstalt schreibt zu Ihrer Sendung am 10.4:

Sprechen die Männer von Treue, lächle ich nur vor mich hin. Liebe ist ewig das Neue, Treue hat gar keinen Sinn!“, sang Marlene Dietrich in den 1920er-Jahren. Was sie damals infrage stellte, steht auch heute wieder auf dem Prüfstand: die monogame Beziehung.

Marlene Dietrich
Marlene – Ich weiß nicht zu wem ich gehöre  – Coverversion mit vollem Text anhören

Ob in der Ratgeberliteratur, in Zeitungsartikeln oder anhand von prominenten Paaren: Das Modell der offenen Beziehung wird viel diskutiert, gepriesen und verdammt – und ist dabei fast zu einer Art Modethema geworden. Auch Polyamorie – die Möglichkeit, mehrere Beziehungen ganz offen gleichzeitig zu führen – ist vielen Menschen mittlerweile zumindest ein Begriff.

Können solche Beziehungskonstrukte wirklich gelingen? Oder sind Gefühle wie Eifersucht und der Wunsch nach dem oder der Einen nicht viel zu tief in uns verankert?

Ob vor hundert Jahren oder jetzt – gute und interessante Fragen, denen der Deutschlandfunk da auf der Spur ist. Gut, dass Monogamie auf dem Prüfstand steht und zunehmend hinterfragt wird. Das sollte mit allen Konzepten geschehen, heißen sie nun Monogamie, Polyamorie oder offene Beziehung.

Konzepte hinterfragen

Nur diese kritische Auseinandersetzung mit Liebeskonzepten verhindert, dass Menschen wie automatisch und „bewustlos“ in eine Beziehungsform schlittern, die vielleicht gar nicht wirklich zu ihren Wünschen und Bedürfnissen passt.

Wenn sie die Sendung am 10.4. verpassen, können Sie sie ab dann auch im Internet unter folgendem Link nachhören.

https://www.deutschlandfunk.de/das-wochenendjournal.1664.de.html

Auch auf meiner Homepage wird die Sendung dann verlinkt sein. Um auf Nummer sicher zu gehen, melden Sie sich am besten mit einem Klick links oben zu diesem Newsletter an.

P.S. Es mag aufgefallen sein, dass ich meine aktuelle Blog-Serie über die fünf Prinzipien meiner Arbeit hier aus gegebenem Anlass untebrochen habe. Sie wird in Kürze fortgesetzt.

 

Prinzip 2: Umparken im Kopf

Hier kommt der zweite Blog-Beitrag über die fünf Grundprinzipien meiner Beziehungsberatung.*  „Umparken im Kopf“ ist ein von mir übernommener Slogan aus einer Opel Imagekampagne in der es darum ging von einem neuen Blickwinkel aus zu schauen. Und genau darum geht es auch hier:

Bleiben wir beim Beispiel Auto. Ein solches sieht von vorne betrachtet zweifellos ganz anders aus als von hinten. Dennoch wäre es absurd würde man beispielsweise behaupten nur von vorne sehe man das Auto richtig, von hinten oder der Seite hingegen falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Um einen möglichst richtigen, umfassenden Eindruck von einem Auto zu bekommen müssen wir es aus möglichst vielen Perspektiven betrachten.

Wenn wir etwas von verschiedenen Blickwinkeln und Standpunkten betrachten, beispielsweise eine Stadt, werden wir Dinge sehen, die uns nicht gefallen und uns vielleicht sogar verstören. Dies mag ein Grund sein warum wir gerne auf einem bestimmten, für uns vorteilhaften Standpunkt verharren.

Der zweite Gedanke

In meinen Beratungen übe ich mit den Klienten von neuen Standorten aus auf ihre Beziehung zu schauen und zwischen unterschiedlichen Standpunkten zu wechseln. Besonders geeignet dafür ist die Idee des „Zweiten Gedanken“ und das sogenannte zirkuläre Fragen.

Dabei geht es darum sich selbst Fragen zu stellen wie:

  • Welche andere Erklärung außer der für mich neheliegenden könnte es noch geben?
  • Wie würde mein(e) Partner(in) einen bestimmten Sachverhalt betrachten und interpretieren?
  • Wenn mehrere Sichtweisen möglich sind, welche eröffnen am ehesten neue Spielräume Lösungswege?

Welcher Standpunkt ist richtig?

Von einem anderen “Parkplatz“ aus ergeben sich also aus neuen Blickwinkeln heraus neue Perspektiven. Wenn Sie etwas anschauen von einem Standpunkt aus den Sie bisher noch nicht eingenommen haben, wird das, was Sie sehen dadurch weder richtiger noch falscher, nur vollständiger. Dies wiederum erlaubt einen besser funktionierenden Umgang damit und neue, bisher nicht sichtbare Lösungsansätze für Probleme.

Probieren Sie das Umparken im Kopf doch einfach einmal aus. Das Risiko ist gleich Null, denn zunächst findet dieses Gedankenexperiment ja tatsächlich nur in Ihrem Kopf statt und verpflichtet Sie zu nichts. Sie müssen (ersteinmal) auch niemandem davon berichten. Können Sie aber, wenn Sie mutig sind. Vielleicht inspirieren Sie Ihre(n) Partner(in) ja ähnliches zu tun.

 

* =Einen Überblick über diese Prinzipien finden Sie hier und den 1. Blog der Serie -“Möglichkeitsraum erweitern“ hier.
Die nächsten Blogs beschäftigen sich mit folgenden weiteren Prinzipien meiner Arbeit:
Zukunftsorientierung, Subjektive Wahrheiten als solche akzeptieren, Dynamik statt Schuld

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Prinzip 1: Möglichkeitsraum erweitern

In einem früheren Blog-Beitrag habe ich einen kurzen Überblick über die fünf Grundprinzipien gegeben, die ich bei der Begleitung meiner Klienten anwende. Heute möchte ich Ihnen das erste Grundprinzip genauer vorstellen. Es lautet:

Den Möglichkeitsraum erweitern

Viele Probleme in Beziehungen ergeben sich daraus, dass auf einen bestimmten Auslöser oder Trigger seitens Partner A immer, die selbe, standardisierte, automatische Reaktion seitens Partner B folgt, woraufhin wiederum Partner A „wie immer“ reagiert. Die immer wiederkehrende Abwärtsspirale ist in Gang gesetzt.

Welchen Ausweg gibt es?

Was wäre, wenn die Partner mehr Auswahl hätten bei den Möglichkeiten auf den Trigger des anderen reagiert? Es würden neue Dynamiken und Interaktionen zwischen den Partnern entstehen. Abseits ausgetretene Pfade könnte Neuland betreten werden.

Es gibt zwar keine Garantie dafür, dass jeder neu gefundene Weg in jedem Fall ein Ausweg aus dem Problem ist, aber allein der Überraschungseffekt, dass Neues, bisher Ungewohntes möglich ist, hilft schon vielen Paaren aus erstarrten Automatismen auszubrechen.

Wer tut was er immer tut bekommt was er immer bekommt

Es geht also nicht um Veränderung im Sinne von „ich mache zukünftig ´X statt Y, weil Y falsch und schlecht ist“, sondern um „ich erarbeite mir eine Auswahl von X,Y und Z, damit ich in jeder Situation das passende „Werkzeug“ einsetzen kann.

Wer nur mit einem Hammer umgehen kann, sieht in jedem Problem ein einen Nagel – frei nach Paul Watzlawick. Und natürlich kann man auch mit einem Hammer ein Brett in zwei Teile teilen – wer aber neben dem Hämmern auch des Sägens mächtig ist tut sich leichter. Es ist also gut für unterschiedliche Situationen unterschiedliche Werkzeuge zu beherrschen. Das gilt auch für Liebesbeziehungen.

In meinen Beratungen erforsche ich gemeinsam mit meinen Klienten, welche Erweiterungen des Spielfeldes der jeweiligen Partner hilfreich sein könnte; wo sie sich selbst in ihrer Handlungsfreiheit durch tief eingegrabene Mustern beengt fühlen.

Ein Beispiel:

Partner B erkennt: „Statt mich wie immer sofort zu rechtfertigen. könnte ich in Zukunft schauen ob es aus der Kritik meines Partners etwas zu lernen gibt“. Diese Bewegung von Partner B kann Partner A helfen seinerseits zu erkennen: „Wenn mir etwas nicht gefällt, möchte ich das zukünftig gelassener, sachlicher und weniger aggressiv vortragen“.

Solche Erkenntnisse bedeuten zwar nicht, dass sofort die alten Muster verlassen werden können aber sie weisen den Weg zum Ausgang aus dem Teufelskreis. Der Rest ist Übung, Bewustheit und Disziplin – wie immer wenn Sie etwas neues erlernen möchten.

Die nächsten Blogs beschäftigen sich mit folgenden weiteren Prinzipien meiner Arbeit:
Umparken im Kopf,  Zukunftsorientierung, Subjektive Wahrheiten als solche akzeptieren, Dynamik statt Schuld

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Die 5 Prämissen meiner Beratung

Die folgenden fünf Grundprinzipien, die ich bei der Begleitung meiner Klienten anwende, habe ich nicht selbst erfunden. Sie leiten sich ab aus meinem Verständnis und meiner Interpretation des systemischen Beratungsansatzes. Aber mit diesem theoretischen Hintergrund müssen Sie sich eigentlich gar nicht so genau befassen. Deswegen beschreibe ich hier die fünf Grundsätze möglichst praxisnah:   

  1. Möglichkeitsraum erweitern: Entwicklung hin zu Ihrem angestrebten Ziel bedeutet für mich nicht, dass Sie bisher etwas falsch gemacht haben, sondern dass es in bestimmten Situationen bessere Handlungsalternativen gibt, die Ihnen bisher noch nicht zur Verfügung standen. Sie sind also eingeladen, Ihren Werkzeugkasten um neue Instrumente zu erweitern und sich mit deren Handhabung vertraut zu machen.
  2. Umparken im Kopf: Denn von einem anderen “Parkplatz“ aus ergeben sich auch neuen Blickwinkeln neue Perspektiven. Wenn Sie etwas anschauen von einem Standpunkt aus den Sie bisher noch nicht eingenommen haben, wird das, was Sie sehen dadurch weder richtiger noch falscher, nur vollständiger. Dies wiederum erlaubt einen besser funktionierenden Umgang damit.
  3. Zukunftsorientierung: Wie Einstein schon sagte: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Die Vergangenheit können wir nicht ändern; was wir tun können ist zukünftig unseren Blick auf das Geschehene zu erweitern (siehe Punkt 2) und die Zukunft weiträumiger zu gestallten (siehe Punkt 1). Und wir können uns vergangenen Erfahrungen als Ressourcen für die zukünftige Gestaltung unseres Lebens zu Nutze machen.
  4. Subjektive Wahrheiten als solche akzeptieren: Wahr ist, dass es nicht DIE WAHRHEIT für alle gibt, sondern jeder seine eigene Sicht auf die Welt und deren Zusammenhänge hat. Weil sich die eigene Wahrheit so besonders wahr anfühlt, ist es oft schwierig sich vorzustellen, dass es unserem Gegenüber ganz genauso ergeht. Die Übung, fremde Wahrheiten statt sie zu bewerten mit Neugierde zu betrachten, kann viele Kommunikationshindernisse in der Partnerschaft abschmelzen.
  5. Dynamik statt Schuld: Die Frage ist nicht, was macht mein Partner falsch, auch nicht was mache ich falsch, sondern was bewirkt mein Tun bei meinem Gegenüber. Während erstere Fragen ein Fehlverhalten unterstellen und damit „automatisch“ zu Abwehr führen, ist die letztere eine Forschungsfrage, die uns Auskunft gibt, wie die Zahnräder im „paardynamischen Getriebe“ ineinander greifen.

Wenn sie die fünf Prämissen meiner Beratung genauer kennenlernen möchten, dann abonnieren Sie am besten diesen Newsletter, denn in loser Folge werde ich die fünf Grundprinzipien jeweils in einem eigenen Beitrag detaillierter und mit Beispielen erläutern.

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Warum uns Krisen stärken

Gleich vorweg: Auch wenn in diesen Zeiten sich die meisten Artikel, die den Begriff „Krise“ enthalten auf die Pandemie beziehen, so ist dies hier (fast) nicht der Fall.  Nur am Anfang werde ich das Thema kurz streifen:

In den letzten Wochen wurden wir überhäuft mit Schreckensmeldungen zu Coronakrise. Aber immer öfter wird nun zu Recht auch auf die Chancen hingewiesen die diese Krise birgt. Doch damit steht die Coronakrise keinesfalls alleine, denn es ist ein Spezifikum aller Krisen, dass sie Chancen mit sich bringen. Man muss sie nur entdecken.

Welche Chancen stecken also beispielsweise in privaten- und insbesondere in Beziehungskrisen? Wie können wir diese erkennen und nutzen um gestärkt aus der Krise hervor zu gehen?

 Krisen lassen uns klarer sehen

Unabhängig davon was genau die Krise ausgelöst hat, spülen Krisen das an die Oberfläche, was auch vorher schon vorhanden war, vielleicht auch schon erahnt wurde, aber eben noch nicht erkannt und angesprochen werden konnte. Krisen weiten also zunächst einmal unseren Erkenntnisraum – lassen uns Realitäten klarer sehen. Es ist oft nicht angenehm von Krisen aus Illusionen gerissen zu werden, dennoch sehr wertvoll.

„Ich kann jetzt mit meinem Partner über Themen reden, die früher keiner von uns anzusprechen gewagt hätte.
Wir sind uns jetzt näher denn je“. So eine Klientin meiner Praxis nach einigen Beratungsgesprächen.

Wir können uns die Krise also dann zu nutze machen, wenn wir uns den neuen Erkenntnissen nicht verweigern sondern sie annehmen. Oft sind diese Wahrheiten aber nicht ohne weiteres erkennbar. Sie werden zunächst noch verdeckt von der Angst, dem Ungewissen, vielleicht auch der Scham in die uns Krisen stürzen.

Um zu erkennen auf was uns eine Krise hinweisen will braucht es einen gewissen zeitlichen Abstand zum Geschehen und oft auch eine Hilfe von Dritten. Jemanden also der von außen neutral als nicht Betroffener auf die Situation schaut und daher besser erkennen kann, welche Botschaften in der Krise liegen könnten. Daher ist es gut in persönlichen Krisen (darin liegt ein Gegensatz z.B. zur Corona-Krise) nicht sofort weitreichende Entscheidungen zu treffen. Selten ist ganz schnelles Handeln erforderlich.

 Beispiel aus der Praxis

Ein vielleicht recht bekanntes Beispiel, welches ich in meiner Praxis auch schon oft begleitet habe ist folgendes: Ein Partner geht fremd, hat sexuelle Kontakte außerhalb der Paarbeziehung. Die Sache fliegt auf und hinterlässt zunächst einen Scherbenhaufen (siehe dazu auch den Beitrag „Erwischt“). Paare die an dieser Stelle nicht abbrechen, sondern weitergehen gestehen sich oft ein, dass das Sexualleben innerhalb der Partnerschaft für beide oder zumindest einen der Partner unbefriedigend war.

Sie tauschen sich erstmals über schwierige aber wichtige Themen aus, die schon lange in der Luft lagen. Viele Paare berichten, das eine solche Krise – so schwer sie auch zu meistern war – ihrer Sexualität als Paar, ihrer Intimität, überhaut ihrer Paarbeziehung eine ganz neue Lebendigkeit und Echtheit verliehen hat. Auch der Umstand, dass beide bewiesen haben, gemeinsam eine schwere Zeit durchleben und durchlieben zu können stärkt viele Paare.

Oft ist es allerdings nicht einfach ganz alleine als Paar wie der Phönix aus der Asche aus dem Trümmerhaufen aus Verletzungen, Enttäuschungen und Vorwürfen neue Perspektiven zu erkennen und wieder in ein neues Paarleben aufzusteigen. Scheuen Sie sich in einem solchen Fall also nicht Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen, z.B. durch vertraute, enge Freunde aber auch durch professionelle Paarbegleitung.

 

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Mit jemand anderem anders sein

Warum haben Menschen Affären?  Vielleicht weil sie eine schlechte Beziehung führen, in der irgend etwas nicht in Ordnung ist? Ja, manchmal ist das so. Aber warum haben Menschen Affären, die in einer guten Beziehung leben? Weil sie nicht genug bekommen können, weil die Kuh aufs Eis geht, wenn es ihr zu wohl wird, weil sie verdrängen, dass sie eigentlich doch eine schlechte Beziehung haben? Nein so ist es meistens nicht. Aber wie dann?

Die Antwort findet sich in der Überschrift: Menschen die aus tragfähigen Beziehungen heraus fremdgehen tun dies meist, weil sie eine andere mögliche Version von sich selbst ausprobieren wollen – zumindest hin und wieder. Dieses anders sein gelingt mit jemand anderem oft leichter als mit dem vertrauten Partner*. In den meisten Affären geht es also darum, sich selbst auf neue Weise auszuprobieren, jenseits von Alltag, Verantwortung und Routine.

Die Macht der Affäre

Das sehr lesenswerte Buch mit diesem Titel von meiner Kollegin Esther Perel hat mich zu diesem Blog-Beitrag inspiriert. Sie geht davon aus, dass die Suche nach einem Problem in der Partnerschaft, welches ursächlich für eine Affäre ist, meist zu kurz greift. Ich finde, dies ist ein wunderbar befreiender Gedanke, sowohl für den der die Affäre hat, wie für denjenigen, der sie gerade aushalten muß.

Affären des Partners* sind sicherlich schmerzhaft für denjenigen, der sie gerade ertragen muß – meist übrigens auch dann wenn sie offen gelebt werden statt entdeckt worden zu sein. Aber sie sind im Allgemeinen nicht gegen den Partner* gerichtet und weisen nicht unbedingt auf schwerwiegende Partnerschaftsprobleme hin, sondern sie dienen der Erkundung anderer eigener Anteile.

Wer also eine Affäre hat, lernt unweigerlichen einen neuen oder einen in Vergessenheit geratenen Teil von sich selbst kennen. Daraus ergibt sich ein wunderbares Geschenk, welches der Affären-Genießer* dem (wissenden oder unwissenden) Affären-Dulder* machen kann:

Bringen Sie Ihre in der Affäre neu geweckten oder wieder entdeckten Anteile in Ihre Hauptbeziehung ein. Enthalten Sie dieses andere Ich Ihrem Partner* nicht vor. Lassen Sie die neu gewonnene Lebensfreude und Energie auch dort zu, wo sie eine ganz neue, oft von beiden lange ersehnte Dynamik anstoßen kann: In Ihrer Paarbeziehung. Sie beide werden von der neuen Lebendigkeit, dem neuen Elan, vielleicht auch der wieder entfachten Erotik profitieren, die Sie „aus der Affäre mit nach Hause bringen“.

Affären muss man sich verdienen

Für den Wunsch sich selbst neu kennen lernen zu wollen, muß sich niemand schämen. Wer aber die neuen Erfahrungen nur innerhalb der Affäre lebt, während er in der Hauptbeziehung den alten, vertrauten, gar nicht mal so schlechten Trott weiterlebt, der entzieht sich seinem Partner* und der Verantwortung. Er verschwendet wertvolle Ressourcen, statt diese dem Partner* (und sich selbst) zum Geschenk zu machen.

„Wenn wir nur 10% des Mutes, den es braucht sich auf eine Affäre einzulassen und 10 % der Vitalität, die uns eine Affäre beschert in unsere Hauptbeziehung einfließen ließen,“ so bemerkt sinngemäß Esther Perel sehr trefflich in ihrem Buch, “dann könnten wir mit unserem Partner* eine ganz neue Dynamik entfalten“.

Manche Menschen aber haben gerade Angst davor, solch starke, zwar belebende aber vielleicht auch unkontrollierbare Kräfte in ihre in die Jahre gekommene, routiniert ablaufende Partnerbeziehung einzuladen. Aber das ist noch einmal ein anderes Kapitel.  

 

* Es ist immer sowohl die männliche wie weibliche Form gemeint   

 

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Bild aktualisieren

Nach fast 10 Jahren habe ich mein Portraitfoto auf meiner Homepage aktualisiert. Menschen verändern sich im Außen wie im Innen, daher ist es wichtig von Zeit zu Zeit Bilder zu erneuern. Bilder, die wir von uns selbst haben, Bilder mit denen wir uns anderen gegenüber darstellen und Bilder die wir beispielsweise von unserem Partner oder Partnerin haben. 

Es ist wie mit Kindern, die man jeden Tag sieht. Man bemerkt nicht, dass sie wachsen. Nur Menschen die die Kinder selten zu Gesicht bekommen entfleucht das berühmte: „Ach bist Du aber groß geworden“. Im Alltag erkennen wir oft nicht wie wir uns selbst verändert haben mit den Jahren und wie der/ die Partner(in) sich entwickelt hat – ja vielleicht gewachsen ist.

Du hast Dich gar nicht verändert

Was meist als Kompliment gemeint ist, löst bei mir selbst keine wahre Freude aus. Sollte ich mich tatsächlich gar nicht entwickelt haben und der Stagnation anheim gefallen sein? Für mich zwar keine schöne Vorstellung, aber offensichtlich ist Veränderung bei vielen Menschen nicht besonders gut beleumundet.

Warum ist das so? Denken wir Veränderung geht meist ins Negative? Oder liegt es daran, dass Veränderung auch immer bedeutet, Bekanntes, Berechenbares zu verlassen und sich ins unbekannte, unwägbare Neue zu begeben – was durchaus auch in der Umgebung unangenehme Ängste auslösen kann.

Aus der Praxis

In meiner Praxis erlebe ich oft, daß Probleme in der Partnerschaft aus folgenden zwei Phänomenen heraus entstehen:

  1. Partner A sieht Partner B noch immer so, wie dieser vor vielleicht 10 Jahren war
  2. Partner A macht Partner B Vorwürfe, dass dieser nicht mehr so ist wie früher

Wenn ein Satz oder Gedanke mit den Worten beginnt „Mein(e) Partner(in) ist /macht immer…..“ deutet das oft auf das erster Phänomen hin. Fragen Sie sich dann:

  • Stimmt es tatsächlich daß mein(e) Partner(in) IMMER dies oder jenes tut oder sagt?
  • Oder ist es vielleicht so, daß dies zwar FRÜHER OFT der Fall war, nun aber weniger geworden ist?

Im 2. oben beschriebenen Fall der Vorwürfe rate ich den Partnern zu schauen, was genau sie an den Veränderungen kritisieren, was ihnen vielleicht sogar Angst macht. Da wir oft vor dem Angst haben, was wir nicht kennen, ist es ratsam Veränderungen des Partners nicht einfach nur abzulehnen, sondern uns dafür zu interessieren, diese Veränderungen genauer kennen zu lernen.

Zugegeben – all das ist nicht immer einfach – auch nicht In der geschützten und begleiteten Situation einer Beziehungsberatung. Allerdings fällt es unter professioneller Betreuung doch oft leichter den Mut zu fassen, das nicht ganz einfache zu tun und anzusprechen.



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Interview: Fragen an einen Freund

Neulich bat mich ein Journalist der „Deutschen Presse Agentur“ (dpa) um ein Interview zum Thema: „Fremdgehen und Loyalität in Freundschaften“. Wie soll man sich verhalten, wenn man mit bekommt, dass ein(e) Freund(in) ohne Wissen ihres/ihrer Partner(in) heimlich andere sexuelle Kontakte hat? Oder wenn man merkt, dass ein Freund oder eine Freundin sexuell „hintergangen“ wird?

Der Artikel, der auf Grundlage des Interviews entstand, ist kürzlich in der Reihe „Fragen an einen Freund“ in mehreren Tageszeitungen erschienen, u.a. in der „Frankfurter Rundschau“ und der „Rhein-Neckar-Zeitung“ (aus meiner Heimatstadt Heidelberg)*.

Täter und Opfer

Nicht ganz glücklich bin ich mit der vom Journalisten gewählten Terminologie vom „Fremdgeher“ und vom „Betrogenen“. Zwar wird dadurch einerseits sofort klar, welche Rolle jeweils gemeint ist, auf der anderen Seite lösen diese Begriffe aber starke Assoziationen aus zu Begriffen wie „Täter“ und „Opfer“.

Aus meiner Beratungserfahrung kann ich sagen, dass es in der Realität kaum so ist, dass einer von beiden ausschließlich und alleinig die Schuld trägt und der andere keinerlei Verantwortung für das Geschehene hat.

Wenn also Paare in einer Situation sexueller Untreue zu mir kommen, ist es wichtig zu klären, welchen Beitrag jeder von beiden innerhalb des Systems dazu geleistet hat. Noch wichtiger allerdings ist es herauszufinden, welchen Beitrag jeder von beiden zukünftig leisten kann, damit es nicht mehr zu weiteren Unehrlichkeiten und Vertrauensverlust in der Beziehung kommt.

Diese Unehrlichkeit, die sehr oft mit einer sexuellen Außenbeziehung oder -begegnung einher geht ist nach meiner Erkenntnis wesentlich schädlicher und gefährlicher als die direkte Kränkung des Partners durch den anderweitigen sexuellen Kontakt.

With a little help from my friends

Nun aber noch mal zurück zum Interview: Ich plädiere darin dafür immer zuerst den aktiven Teil anzusprechen, wenn man „Regelverletzungen“ im Freundeskreis verMUTet. Und das erfordert eben auch Mut. Ein sofortiges, unbedachtes „Petzen“ halte ich aber für genauso verfehlt wie ein „Das geht mich überhaupt nichts an“.

Ich vertrete hier einen pragmatischen Ansatz, der nicht von einer bestimmten Sexualmoral ausgeht. Vielmehr ist er von der Erkenntnis getragen, dass langfristig gute und stabile Beziehungen, die wir ja alle wollen, nur in einem Umfeld von Offenheit und Vertrauen gedeihen können. Eine (länger währende) Verstrickung in Lügen und Ausreden hingegen höhlt eine Beziehung von innen heraus solange aus bis sie in sich zusammenbricht.


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Offen oder geöffnet?

Einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 27.7.18, in dem ich zitiert werde, möchte ich zum Anlass nehmen, mit Ihnen einige Gedanken sowie Erfahrungen aus der Beratungspraxis zum Thema offene Beziehungen zu teilen. Das Resümee gleich vorweg: Es handelt sich bei dieser Beziehungsform weder um ein einfaches Allheilmittel für jedermann / jedefrau noch sind solche Verbindungen von vornherein zum scheitern verurteilt. Worauf also kommt es an?

Aus den vielen Faktoren, die eine Rolle spielen, kann ich hier nur einige herausgreifen. Wer mit dem Gedanken an eine offen Beziehung spielt, sollte sich zunächst ehrlich Rechenschaft darüber ablegen, aus welchen Motiven heraus ihm eine solche komplexe Beziehungsgestaltung reizt. Wer diese Beziehungsform für sich ablehnt, sollte übrigens auch wissen warum.

Gute Frage – nächste Frage

Eine offene Beziehung ist eine solche in der die sexuelle Ausschließlichkeit nicht vereinbart ist -werder explizit noch, was ja klassischerweise häufiger der Fall ist implizit, also unausgesprochen. Aber was ist es statt dessen? Auch darüber sollte man sich bewusst werden bzw. mit einander ins Gespräch kommen.

In besagtem Artikel grenzt mein Kollege Jochen Rögelein die offene von der geöffneten Beziehung ab. Eine sehr interessante Unterscheidung, wie ich finde (mehr dazu hier). Und wenn die sexuelle Exklusivität nicht mehr gilt braucht es dann andere Exklusivitäten, überhaupt andere Regeln oder liegt die wahre Freiheit in der Liebesanarchie?

Nicht dass es allgemeingültige Antworten auf diese Fragen gäbe, dass ich sie gar wüsste, wichtig erscheint mir aber in diesen Fragen Klarheit anzustreben. Wenn zwei sich nicht einigen können ob eine offene Beziehung das richtige ist, mag es daran liegen, dass beide ganz abweichende Vorstellungen mit diesem Terminus verbinden.

Akzeptieren was ist

Natürlich ist es viel leichter eine offene oder geöffnete Beziehung zu leben, wenn beide Partner von Anfang an dieses Beziehungsmodell wollen. In meine Praxis kommen oft Paare bei denen einer von beiden sich wünscht, die Beziehung zu öffnen, nachdem sie „klassisch“ begonnen hat. Der andere Partner* ist meist nicht zur selben Zeit am selben Punkt und fühlt sich durch die Wünsche nach Öffnung oft bedroht.

Der wichtigste erste Schritt in einer solchen Situation, denn beide gehen sollten ist nicht leicht: Beide sollten die Wünsche bzw. Befürchtungen des jeweils anderen Partners* sehr ernst nehmen und sie keinesfalls „wegdiskutieren“ wollen, nur weil sie für die eigene Position sehr unbequem sind. Basis für eine Lösung ist das Anerkennen: „Ja mein Partner* hat diese Wünsche bzw. ja mein Partner* hat diese Befürchtungen und ichakzeptiere dass es gerade so ist“.

Auf dieser Basis der Akzeptanz dessen was gerade ist kann ich Paare darin unterstützen, behutsam ihre Beziehungsgrundlage zu aktualisieren. Welche Fragen dabei oft auftauchen können Sie im nächsten Bloggbeitrag lesen

*= Der Begriff Partner kann genauso auch als Partnerin gelesen werden ist also hier geschlechtsneutral gemeint 


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Schuld oder Verantwortung?

Bis in die 70er Jahre wurde vor Gericht festgestellt, wer von beiden die Schuld an einer Scheidung trägt. Das gibt es heute so zu Glück nicht mehr. Dennoch ist der Gedanke immer noch weit verbreitet, klären zu wollen, wer an einer bestimmt Situation schuld ist. Beratungen in meiner Praxis klammern die Schuldfrage weitestgehend aus. Warum sich das bewährt hat lesen Sie hier:

 
In meiner Arbeit mit Klienten ersetzt ich das Wort Schuld durch Verantwortung. Doch worin liegt der Unterschied? Bevor Sie direkt weiter lesen, können Sie einmal eine Minute inne halten, und für sich selbst diese Überlegung anstellen – vielleicht sogar zusammen mit Ihrem/Ihrer Partner(in) – und dann Ihre Ergebnisse mit meiner Sichtweise vergleichen.

 

Vorwärts oder rückwärts

Verantwortung ist nach vorne gewandt, Schuld nach hinten. Schuld ist derjenige, der in der Vergangenheit etwas falsch gemacht hat. Es tun sich damit also gleich zwei Probleme auf: Erstens ist es oft nicht eindeutig festzustellen was falsch und was richtig ist. Dazu bräuchte es ein von beiden Partnern anerkanntes, verbindliches und ganz eindeutiges Wertesystem, denn nur in Bezug auf ein solches, also auf eine bestimmte verbindliche Moral oder Ethik kann etwas falsch ( =nicht dieser Norm entsprechend) oder richtig ( = im Einklang mit dieser Norm) sein. Zweitens liegt das Tun oder Lassen das zur Schuld geführt hat in der Vergangenheit und kann daher nicht mehr rückgängig gemacht werden.

 
Die Schuldfrage wird oft vor allem deshalb geklärt, weil der Schuldige dann die Verantwortung für die Folgen seines Handelns übernehmen muß. Was aber, wenn beide Partner von sich aus Verantwortung für das übernehmen, was sie selbst Gutes tun können, unabhängig, ob sie dazu durch einen „Schuldspruch“ gezwungen wurden? Dann wird es für die Lösung einer Situation unerheblich wer die Schuld für sie trägt.

 
Durch die meist unfruchtbare Diskussion darüber, wer Schuld hat, wird oft sehr viel Zeit und Energie verschwendet, die bei der tatsächlichen Lösung der Probleme dann fehlt. Aus meiner Erfahrung ist dies einer der Hauptgründe, warum Paare sich „im Kreise drehen“ statt voran zu kommen. Deshalb ist es mir in meinen Beratungen ein wichtiges Anliegen meine Klienten weg von dem lähmenden Schuldfrage-Kampf hin in die lösungsorientierte Eigenverantwortung zu begleiten.

 

Ein Beispiel

Stellen Sie sich vor, sie haben sich durch Unachtsamkeit aus ihrer gemeinsamen Wohnung ausgesperrt. Wer ist daran Schuld? Sie! Stellen Sie sich nun vor, Ihr(e) Partner(in) kommt wenig später nach Hause und hat ihren eigenen Schlüssel dabei. Wer ist nun in der Verantwortung die Tür zu öffnen? Natürlich derjenige, der einen Schlüssel hat. VerANTWORTung führt zu Antworten, Schuld nicht.
 


 

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