Aussen vor

Kürzlich erzählte mir ein Klient eine denkwürdige Geschichte über eine Geburtstagsfeier in seiner Abteilung. Vieles kann man daraus erkennen, weswegen ich hier seine Erzählung beispielhaft wiedergeben möchte:

 

Der Klient, nennen wir Ihn Herrn Icks, erzählte mir, dass es in seiner Abteilung, bestehend aus 10 Personen üblich war, die jeweiligen Geburtstage in einem kleinen Rahmen von etwa 15 Minuten mit Kaffee und Kuchen zu feiern. Einmal sah er, wie sich die Abteilung wieder zu solch einer Geburtstagsfeier versammelte. Er selbst blieb aber solange im Abseits stehen, bis ihm einer der Kollegen flapsig – scherzhaft zuwarf: „Na, brauchst Du eine extra Einladung?“ Erst dann gesellte er sich zu den anderen.

 

Ich erzähle Ihnen diese Geschichte aus mehrerlei Gründen, deren Überschriften lauten:

– Aufmerksamkeit für eigene Muster
– Unterschied zwischen innerer und äußerer Wahrheit
– Prägung durch die Erziehung
– Selbsterfüllende Prophezeiung

 

Der Reihe nach

Der Klient erzählte mir diese Geschichte, weil er bei sich selbst ein bestimmtes, immer wiederkehrendes Muster festgestellt hat, nämlich das Gefühl nicht dazu zu gehören, nicht gewollt zu sein. Es ist eine große Leistung, ein solches Gefühl („ich gehöre nicht dazu“) als eigenes Muster zu erkennen anstatt mit Sicherheit davon auszugehen, Opfer eine feindseligen Umgebung zu sein.

 

Und damit sind wir schon beim zweiten Lernpunkt aus dieser Geschichte, dem Abgleich zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit. Die äußere Wirklichkeit war, das Herr Icks sehr wohl und wie selbstverständlich in der Geburtstagsrunde willkommen war. Sein Kollege verstand gar nicht, warum er nicht mit hinzu kam. Nur Herr Icks selbst empfand sich als nicht willkommen, ganz losgelöst von der äußeren Realität.

 

Zeit allein heilt nicht alle Wunden

Herr Icks war selbst-reflektiert genug, um die Ursache seiner Muster zu erkennen: „Meine Mutter sagte immer, geh nur dahin, wo Du auch eingeladen bist“. Schwerer noch wiegt wohl der Umstand, dass er die ersten zwei Jahre seines Lebens in einem Heim verbringen musste, weil er seiner Mutter offenbar nicht „willkommen“ war. All dies liegt schon über ein halbes Jahrhundert zurück, entfaltet aber ganz offenkundig immer noch eine enorme Kraft im Leben von Herrn Icks.

 

Letztendlich hatte Herr Icks Glück, dass es auffiel, dass er bei der Feier abseits stand und ihn jemand daraufhin ansprach. Wäre dies nicht geschehen, hätte sich die selbst erfüllende Prophezeiung „Ich bin nicht gewollt“ noch verstärkt. Herr Icks wäre darin bestätigt worden, dass die anderen ihn nicht dabei haben wollen und die Kollegen hätten ihrerseits den abseits Stehenden vielleicht tatsächlich für einen Sonderling gehalten, mit dem man besser nicht so viel zu tun hat.

 

Ich selbst bin immer wieder erstaunt, wie viele Erkenntnis man mit ein wenig Übung und Aufmerksamkeit gewinnen kann, wenn man sich kleine, alltägliche Geschichten mal etwas genauer anschaut. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen erkenntnisreichen Alltag.

 


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